Erzähl mir das Märchen vom Weihnachtsmann

Nun sitze ich das erste mal hier, seit Trillionen von Ewigkeiten und fühle die Tasten unter meinen Fingern. Heute musste ich wieder meine Mutti aufrichten.Emotional. Sie will nicht mehr. Sie verliert jeden Tag mehr die Lust am Leben. Es blutet mir das Herz und so langsam gehen auch mir die Mutgeschichten aus. Ich komme mir beim täglichen Telefonat immer so vor, als ob ich einem kleinen Kind vom Weihnachtsmann erzähle. Selbst glaube ich nicht an diesen, aber die leuchtenden Kinderaugen sind Grund genug, um weiter von diesem bärtigen Mann im roten Umhang zu erzählen. Aber was soll ich meiner Mutti noch erzählen?

Die Pflegerinnen huschen kurz bei ihr rein, ihre Haare noch nicht ganz trocken, da sind sie auch schon wieder weg. Zurück bleibt eine einsame Frau. Ihre Beine schmerzen und wollen nicht mehr heilen, beim Arzt achtet man nicht auf ihren Behindertenausweis, da zählt nur die Maskenpflicht. Das Finanzamt droht mit einer Vollstreckung, da RentnerInnen Steuern zahlen sollen, damit die Dicken dort Oben noch Dicker werden. ich verliere meinen Anstand und die Wertschätzung gegenüber manchen Menschen.

Es dringen immer mehr Geschichten über Kindesmissbrauch an die Oberfläche. Es brennt, es wütet, überall sehe und spüre ich nur noch Unmut,Verzweiflung und Gewalt. Aber soll ich euch etwas sagen? All dies existierte schon vor C. . Menschen wurden missbraucht, Korruption lief wunderbar, in sozialen Berufen tummelten sich Menschen, welche dort nicht arbeiten sollten, es gab Einsame, Arme, Kranke, … und nun ist der Schleier weg. Kein verstecken mehr hinter all dem Konsumzwang, Talkshowlähmungen und Jammern auf höchstem Niveau. Jetzt geht es ans Eingemachte. Jetzt tut es weh. Den Weihnachtsmann gibt es nicht, das steht fest.

Und doch glüht da ein kleiner Funke Hoffnung. Er ist klein und noch nicht wirklich in der Lage zu Wärmen und Schutz zu bieten, aber zumindest leuchtet er einen Weg aus, welchen man gehen kann. Veränderung kann nicht in der warmen Stube geschehen. Dazu muss man mitunter Barfuß auf Kieselsteinen laufen. Ich gehe los, auch wenn ich noch wackelig bin. Mein Herz klopft bis zum Anschlag. Denn es geht auch um das Thema loslassen. Bist du bereit einen Menschen loszulassen? Bist du bereit, den körperlichen Tod nicht weiter aus deinem Leben auszuladen, sondern den natürlichen Lebenszyklus einzuladen? Kannst du deiner eigenen Angst voller Mut ins Gesicht sehen? Ja, ich habe Angst meine Mutti zu verlieren. Was würde passieren? Ich kämpfe gegen diese biologisch unveränderbare Tatsache seit Jahren an: “ Das Leben ist endlich.“ ( Jedoch nicht du als Seele – anderes Thema). Aber ist nicht auch meine Angst, unser ALLER Angst? Ist das der Grund, warum wir etwas unmögliches versuchen und dadurch das Leben ausladen? Einen Virus zu töten, damit wir bis in die Unendlichkeit leben können? Das ist schon ziemlich verrückt, wenn man sich das mal ganz in Ruhe durch den Kopf gehen lässt. Ich kann das Leben und den dazugehörigen Tod wieder einladen. Ich kann meiner Mama noch weiterhin „Weihnachtsmann-Geschichten“ erzählen und ich kann sie in den Arm nehmen. ich muss nichts sagen. Es genügt ein Lächeln, eine sanfte Berührung und am Ende das Zugeständnis, das Jeder Mensch selbst entscheiden darf, wann er sich auf seine Reise von der Erde macht. Ich glaube, ein Mensch spürt, wenn es soweit ist. Zumindest war es bei meinem Papa so. Er wollte darüber reden, aber ich hatte Angst. ich dachte, er wird 190 und älter. Er wurde 80 und ging, als Niemand um ihn war. Ich glaube, er hat gespürt, wie sehr wir ihn festgehalten haben. Die Uhr kann ich nicht zurück drehen, aber ich kann daraus lernen. Hinzuhören und endlich dieses verschwiegene Thema TOD zu entmachten. Das Leben ist endlich. Und den Weihnachtsmann gibt es nicht.

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